Schillerstraße

 

 

Die Schillerstraße ist eine der wenigen von Schreiterer & Below geplanten Straßen, die tatsächlich an dem vorgesehen Ort verwirklicht wurden. Schön zu erkennen, auf der Zeichnung Emil Schreiterers im ersten Prospekt zur Colonie kleiner Landhäuser  verläuft sie exakt in der Bildmitte von der Bahnstraße zur Aachenerstraße im Hintergrund, sie war die einzige nach dem ersten Bebauungsplan gebaute Parallelstraße zur Goethestraße. Vorne rechts die authentisch gezeichnete Hausreihe an der Eichendorffstraße, am Ende auf dem Eckgrundstück zur Aachener Straße war der Platz für die katholische Kirche vorgesehen. Die einzelnen Fassaden waren genau festgelegt, wie auch an den realisierten Nachbarstraßen, die Bebauung wurde so aber nie begonnen. Erschlossen wurde sie von der Aachener Straße aus, weshalb heute dort auch die Nummerierung beginnt.

 

Um 1909 wurde die Straße von Schreiterer & Below angelegt, die im Dezember 1908 eine 11 m breite Grabenbrücke an der Aachener Straße (km 8,8 + 29 m) beantragt hatten. Sie erhielt eine Breite von 10 m, davon 5 m Fahrspur und je 2,50 m Bürgersteig. Straßenbäume waren nicht vorgesehen und wurden auch in den ersten Jahren nicht gepflanzt.

 

Etwa zwei Drittel des Grundstücks an der westlichen Straßenseite vor dem Marktplatz gehörten dem katholischen Kirchenbauverein St. Marien, hierhin planten die Architekten daher die neue Kirche mit dem Eingang und einem Vorplatz von der Aachener Straße aus. Nachdem der Kirchenvorstand aber noch 1911 einen Kirchenneubau abgelehnt hatte, wurde das Grundstück an die Kolonie verkauft oder gegen das spätere Kirchengrundstück an der Goethestraße eingetauscht. Das ursprüngliche Grundstück erwies sich als sehr unpraktisch, es war kaum breiter als der geplante Bau, außerdem hätte die Kirche einen nach Norden ausgerichteten Chor erhalten.

 

Stattdessen entstanden hier zeitgleich mit dem gegenüberliegenden Restaurant St. Florian erst im Winter 1912 die ersten Wohnhäuser Nr. 1-7, die gemeinsame Verwendung des Materials Schiefer und der tragenden Säulen ergibt ein harmonisches Straßenbild. In diesen Zitaten der Architektur des Bergischen Landes spricht der starke gestalterische Einfluss jener Zeit, als Emil Schreiterer Mitglied einer Jury zu einem vom Rheinischen Verein für Heimatschutz ausgeschriebenen Wettbewerb zur Fassadengestaltung in Bergischer Bauweise war.

Die bewusste Entscheidung, seine Villenkolonie in dieser neuen Formensprache fortzusetzen erklärt sicherlich auch die räumliche Distanz zu den früheren Bauten. Wurde die Goethestraße von der Bahnstraße aus bebaut und war sie nur bis zum Marktplatz fertiggestellt, wurde die neue Schillerstraße jetzt von der Aachener Straße aus erschlossen. Nach Fertigstellung der Häuser Nr. 1-7 wurden 1914 die entsprechenden Hausnummern vergeben, weitere Bauten von Schreiterer & Below folgten jedoch nicht.

 

Stattdessen beteiligten sich nun Gemeindebaumeister Stausberg an der weiteren Planung der Kolonie, der seinen Entwurf einer Vierhausgruppe (Nr. 9-15) allerdings wieder den frühen Bauten an der Goethestraße anglich, und der Weidener Bauunternehmer August Jäger. Vor dem Krieg wurden von Jäger noch die Nachbarhäuser Nr. 9, 11 und 17 fertiggestellt.

 

Die Colonie kleiner Landhäuser  wurde nach dem Ersten Weltkrieg nicht weitergebaut, Nr.1-7 waren die letzten von Emil Schreiterer entworfenen Wohnhäuser gewesen. 1925 waren die beiden Villen des Restaurantbesitzers Püllen (Nr.2) und des Arztes Dr. Kukulka (Nr.36) fertiggestellt, 1929 das Eckhaus Nr.15 der erwähnten Vierhausgruppe. Erst in den 1930er und 1950er Jahren wurde die Schillerstraße mit freistehenden Einfamilien- und Doppelwohnhäusern mit Vorgärten zu einer luftigen und gehobenen Wohnstraße erschlossen.

 

 

Schillerstraße 1-7

Schillerstraße 1-7, Foto um 1914, Aufnahme von Architekt Heinrich Siegert von der Goethestraße. Album Benninghoven.

 

Auf diesem Grundstück war in der ersten Planung die katholische Kirche vorgesehen. Die nun errichteten Wohnhäuser waren die größten und leider auch die letzten Wohnbauten der Colonie kleiner Landhäuser gewesen.

Die symmetrisch angelegte Gruppe von vier Villen auf hohem Sockel wurde gemeinsam feriggestellt und erhielt zunächst die Hausnummern 1-4. Jeweils zwei der zweigeschossigen Wohnbereiche erhielten ein gemeinsames schiefergedecktes Mansarddach und verschieferte Zwerchhäuser in barocken Formen vor den Mansardgeschossen. Seitlich wurde jeweils zurückgesetzt ein eingeschossiger Gebäudeteil mit Satteldach angebaut, zur Straße hin loggiaartig geöffnet und von Säulen getragen diente er als Vorraum für den Eingang. In dem Anbau befanden sich die geflieste Küche, Garderobe und Toilette. Die zentrale Diele führte in alle Räume, doch der Salon mit Erker, das daneben liegende Wohnzimmmer und das zur Terrasse ausgerichtete Speisezimmer, alle mit Stuckdecken, waren zusätzlich durch breite Öffnungen miteinander verbunden. Die hochrechteckigen Fenster, im Obergeschoss mit Klappläden, waren kleinteilig sprossiert. Hochwertig war die Ausstattung aller Häuser mit Badezimmer, Wasserklosetts und Zentralheizung mit gusseisernen Heizkörpern.

Stilistische Besonderheiten wie das säulengestützte Dach des Anbaus, verschieferte Giebel und Gauben und das Mansarddach mit verschiefertem Mansardbereich sind im gleichzeitig gebauten gegegnüberliegenden Restaurant St. Florian wiederzuerkennen. Die gesamte Gruppe dieser anspruchsvollsten aller von Schreiterer & Below im Bereich ihrer Kolonie verwirklichten Wohnhäuser ist heute denkmalgeschützt.

Bauherr: Colonie für kleine Landhäuser

Architekten: Schreiterer & Below (gez. von Emil und Gottfried Schreiterer)

1913

 

Erwerber der Neubauten und Veränderungen bis heute:

Schillerstraße 1, Foto um 1920. Sammlung Uwe Griep.

Nr. 1:

Ersterwerber war der Kaufmann B. Züge.

Späterer Eigentümer war der Großkönigsdorfer Steinzeug-Fabrikant Hans Großpeter. Im Sommer 1919 verlängerte er den rückwärtigen Speiseraum durch einen Anbau aus Beton (Architekt: Wilhelm Asbach, Büro Schreiterer & Below).

Noch im selben Jahr verkaufte er das Haus an den Major a.D. Carl von Spankeren, der sofort eine Garage für zwei Autos mit einem darüberliegenden Chauffeurzimmer an die Aachener Straße bauen ließ (heute: Aachener Straße 1210), außerdem einen Stallanbau für eine Kuh (Architekten: Schreiterer & Below).

1927 entwarf Albert Passauer (Büro Schreiterer & Below) einen Anbau an den Wintergarten und den Umbau des Eingangsbereichs durch die  Schließung des offenen Vorbaus. Trotz weiterer Umbauten 1970, Renovierungen 1984 und 1998 und einer Sanierung 1988 (Dachstuhl und -eindeckung neu, teilweise Erneuerung der Fenster und Klappläden nach historischem Vorbild in Abstimmung mit dem Stadtkonservator) hat das Haus seine ursprüngliche äußere Gestalt weitgehend erhalten.

Nr. 3:

wurde von dem Kunsthistoriker und Architekturkritiker Dr. Dr. Eugen Lüthgen erworben.

Das Haus war 1937 im Besitz des jüdischen Architekten und Regierungsbaurats a.D. Richard Landsberg und seiner Ehefrau Thusnelda Becker, Tochter des früheren Kölner Oberbürgermeisters Becker. Landsberg wanderte um 1939 nach Spa (Belgien) aus, wo er sich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 das Leben nahm.

1978 wurden die rückwärtigen Fenster vergößert und eine Terrasse angelegt, 1987 Spitzbodenausbau mit Giebelverglasung an der Gartenseite und zwei neuen Gauben nordwärts. Das Haus ist weitgehend original erhalten.

Nr. 5:

Erworben vom Juristen Dr. Hugo Baur.

1926 wohnte hier der Kölner Bankier Florenz Emil Stich.

1966 Bau einer Garage und Eingang verändert, die Beseitigung des Austritts und neue Fenster haben dem Haus viel von seinem ursprünglichem Charakter genommen.

### Das Haus wird aktuell von sehr ambitionierten Architekten aufwändig restauriert, es soll seine urprüngliche Gestaltung zurückerhalten und der Gruppe wieder zu einem schmucken Gesamtbild verhelfen ###

Nr. 7:

Erstbesitzer war der Fabrikant Gerhard Langen, 1918 an Simon verkauft, 1926 Direktor F. Lamersdorf.

Zwei Fertiggaragen von 1967. Das Haus ist weitgehend original erhalten, es wurde 1999 unter Betreuung des Stadtkonservators renoviert.

Schillerstraße 5-7, Postkarte Verlag M. Flügge (orig. Foto), Weiden, um 1920. Sammlung Uwe Griep.

 

 

Schillerstraße 9-15

1913 entwarf Gemeindebaumeister Stausberg eine zweigeschossige Vierhausgruppe mit Erkern, Klappläden und hohen Dächern, die vom Weidener Bauunternehmer August Jäger reaslisiert werden sollte. Die Vorgartenmauern mit Lattenzaun entsprachen denen in der Goethestraße. Die Baupläne zu der Gruppe ließ Stausberg 1914 von Dombaumeister Hertel prüfen. Vor dem Krieg entstanden nur die Häuser 9-11. Bei der späteren Vervollständigung der Gruppe bemühte sich Jäger um ein geschlossenes Gesamtbild.

Nr. 9:

 

Nr. 11:

 

Nr. 13:

 

Nr.15:

Der Bauingenieur Otto Werner entwarf sein eigenes Wohnhaus im Jahr 1928 bewusst als Eckhaus der Gruppe, das linke Nachbargrundstück war noch nicht bebaut. Der in Nr.11 wohnende August Jäger machte Gemeindebaumeister Röll darauf aufmerksam, dass kein Baugesuch genehmigt werden darf, welches nicht den Häusern 9 und 11 genau angepasst ist. Röll lehnte darauf den Wunsch des Bauherrn ab, den Ziegelrohbau mit Betonung der horizontalen Fugen zu versehen. Gemeint war eine dekorative Gestaltung wie sie ein Jahr zuvor in der katholischen Kirche St. Marien verwirklicht wurde. Er machte eine Fassadengestaltung in Putz mit Klinkerornamenten zur Auflage. Der Bauherr wusste die expressionistischen Ornamente jedoch so bewusst in Szene zu setzen, dass sie vielleicht noch deutlicher ihre moderne Wirkung zeigten als in einer Backsteinfassade. Rauten oder halbe Rauten in Backstein im Türbereich, im Balkongitter und den Fenstern in Haus- und Balkontür ziehen das Auge ebenso an wie die vergitterten Rundfenster und die breite weiße Backsteinverfugung.

Auch mit seinen erneuerten Fenstern und Türen ohne das zeitgenössische filigrane Dekor vermittelt das ansonsten gut erhaltene Haus seine ursprüngliche, im Weiden seiner Zeit einzigartige Gestaltung noch sehr schön.

Bauherr und Architekt: Otto Werner, Bauingenieur

1928/29

Schillerstraße 15, original Foto als Postkarte, nicht gelaufen, 1930er Jahre. Sammlung Uwe Griep

 

 

Nr . 17

In Anlehnung an die im Bau befindlichen Nachbarhäuser Nr. 9 und 11, aber auch an seine früheren Bauten in der Schulstraße, entwarf und baute August Jäger dieses vorerst freistehende Einfamilienhaus mit Putzfassade und Walmdach sowie breiten barocken Schweifgiebeln zur Straßen- und zur Südseite. Der Salon mit schiefergedecktem Standerker, einem lang gestreckten Wohn- und Essbereich von der Straßen- bis zur Gartenfront reichend, sowie Wintergarten und Balkon betonen das einfache aber moderne Landhaus. Die hohen Fenster hatten Sprossen und im Obergeschoß Klappläden. Der Vorgarten erhielt eine Einfriedung aus Mauersockel und Holzzaun.

Mehrere Umbauten, zuletzt 1983/84 zu einem Dreifamilienhaus mit neuem Treppenhaus und neuer Rückfassade, veränderten Giebeln und Giebelfenstern lassen die ursprüngliche Ansicht nur noch erahnen.

Bauherr: Josef Brandt, Eisenbahnobersekretär

Entwurf und Bauunternehmer: August Jäger, Weiden

1914

Schillerstraße 17, Fotografie um 1920. Album Benninghoven

Schillerstraße 17, Foto vom 22.8.1926, Album Benninghoven

 

 

 

Die Schillerstraße im Jahr 1936, Blick nach Süden. Im Hintergrund die Hausgruppe Arndtstraße 2-6. Originalfoto, Sammlung Uwe Griep.

 

 

 

 

 

 

 

--- weitere Hausbeschreibungen und Fotos werden folgen ---