Das "Café-Restaurant Sanct Florian" in Weiden
Das Gebäude der heutigen evangelischen Kirche (Jochen-Klepper-Haus) wurde von den Architekten der Colonie für kleine Landhäuser Schreiterer & Below als ein Caféhaus und Restaurant für das moderne Weiden entworfen und zwischen November 1912 und September 1913 erbaut.
Teil I - Der kurze Traum von einem bürgerlichen Ausflugslokal auf dem Lande
Weiden 1912 - ein Vorort auf dem Lande
1912 – es lief nicht gut für die Colonie für kleine Landhäuser. Das so ambitionierte Projekt einer Gartenstadt weit vor den Toren Kölns mit weit mehr als 300 Wohnhäusern kam nicht nur aus heutiger Sicht eher schleppend voran. Die jahrelangen Verhandlungen über eine Straßenbahnverbindung von Köln nach Weiden hatten noch so manchen Interessenten zurückgehalten. Der in Weiden lebende Architekt Emil Schreiterer führte die langjährigen ergebnislosen Verhandlungen teils auf die Eifersucht der Stadt Köln gegen eine eigene Bahn der Gemeinde Lövenich, teils auf die Unfähigkeit der Gemeinde selbst zurück und appellierte daher an den Landrat, sich der Sache anzunehmen. Im Dezember 1910 schrieb Schreiterer: Im Vertrauen an diesen Landkreis Köln haben wir es unternommen, die Colonie in Weiden zu gründen, haben ein grosses Startkapital dort investiert und die ganze Gegend wirtschaftlich gehoben, ihr geradezu ein wertvolles Geschenk gemacht. Und in dem Antrag an die Stadt Köln stellte sich die Firma selber dar: Eine Cölner Gesellschaft, an deren Spitze erste Architekten stehen, errichtet in Weiden eine Colonie kleiner Eigenheime, die allem Anschein nach eine einzigartige Schöpfung werden wird, und, als zu Cöln gehörig, der Stadt nicht zur Unehre gereichen dürfte.
Als die Straßenbahn schließlich 1912 eröffnet wurde, war der Bereich zwischen dem alten, mittlerweile erweiterten dörflichen Weiden entlang der Aachener Straße und dem sog. „Neuweiden“ – Bahnstraße, Eichendorff- und Goethestraße bis zum Marktplatz – noch nicht bebaut sondern Brache, bewachsen mit wilden Brombeersträuchern und jungen Bäumen.
Blick auf die Goethestraße.
Die Goethestraße war an beiden Straßenseiten nur bis zum Bereich des späteren Marktplatzes bebaut.
Die Fläche bis zur Aachener Straße war mit jungen Bäumen und Sträuchern bewachsene Brache.
Blick von Süden aus Sicht der Aachener Straße, links Nr. 30, rechts Nr. 25.
Postkarte um 1910.
Privatbesitz
Die „Bergische Bauweise“ in Weiden
Schreiterer wagt nun einen Neuanfang abseits der zusammenhängenden Bebauung mit großvolumigen Häusern gleich an der Straßenbahnhaltestelle: einer Vierhausgruppe auf dem ursprünglich für die Kirche vorgesehenen Gelände (Schillerstraße 1-7) und gleichzeitig das Café und Restaurant Zum Heiligen Florian.
Es ist sicher kein Zufall, dass sich gerade diese benachbarten Bauten mit der reichlichen Verwendung von Schiefer an der traditionellen Bauweise des Bergischen Landes orientierten.
Zwei Jahre zuvor hatten die Mitteilungen des Rheinischen Vereins vom Frühjahr 1911 die Ergebnisse eines Preisausschreibens vorgestellt, das der Verein zur Förderung der Bergischen Bauweise veranstaltet hatte. Dazu wurden Architekten zu Gestaltungsvorschlägen aufgefordert, der Wettbewerb erstreckte sich nur auf Fassadenentwürfe.
Emil Schreiterer war zu dieser Zeit Ausschussmitglied des Vereins und Mitglied der Jury für diesen Wettbewerb. Interessanterweise finden sich entscheidende Detaillösungen der publizierten Beiträge in den kurz darauf von Schreiterer & Below gezeichneten Entwürfen wieder, die in den Wohnhäusern Schillerstr. 1-7 und dem Café Florian ausgeführt wurden.
Die Idee der Gesamtanlage des Restaurants war offensichtlich an dem Entwurf für eine Sommerwirtschaft orientiert. Der markant hervorstehende, breite verputzte Giebel und das Mansarddach wirken fast schon kopiert.
Entwurf für eine Sommerwirtschaft in Eller.
Aus: Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz,
Heft 1, 1911.
Zum hl. Florian
Zeichnung um 1912 (Signatur: Schreiterer & Below Architekten B.D.A. in der Handschrift von Emil Schreiterer).
Privatbesitz
Auf dem ersten Bebauungsplan für die Colonie im Jahr 1905 war das Restaurant, zumindest an dieser Stelle, noch nicht vorgesehen, eine Wohnhausreihe sollte den Bereich zwischen der Schillerstraße und der parallel dazu geplanten Uhlandstraße füllen. Schon 1910 hatte Emil Schreiterer eine Konzession für den Betrieb einer Schankwirtschaft beantragt. Die benachbarten alten Gaststätten entsprachen nicht mehr seinen Ansprüchen: Die Alte Post sah ihrem Ende entgegen, die Gaststätte Schumacher (heute Hotel Germania) war in einem alten Fachwerkhaus untergebracht. Sein neues Restaurant sollte der gesellschaftliche Mittelpunkt der Kolonie werden. Um rentabel zu sein, musste es auch den Ansprüchen städtischer Besucher genügen und Ausflügler aus Köln anlocken. Bedingung dafür war aber die Eröffnung der Straßenbahnlinie nach Weiden. Die ersten Wohnhäuser an der Schillerstraße, die bislang anspruchsvollste Hausgruppe in der Kolonie (Nr. 1-7), und das Restaurant wurden im Winter 1912 gleichzeitig geplant und zeigen in der Verwendung der Säulen und der verschieferten Giebel eine aufeinander bezogene architektonische Harmonie.
Im November 1912 stellten die Architekten den Bauantrag für das Restaurantgebäude, das am 1. Mai 1913 fertig sein sollte, um die Hauptsaison ausnutzen zu können. Noch im gleichen Monat begannen die Ausschachtungsarbeiten, der endgültige Entwurf wurde jedoch erst im kommenden Februar genehmigt.
ENTWURF ZU EINEM RESTAURANT IN WEIDEN BEI CÖLN.
SÜDANSICHT, WESTANSICHT; LAGEPLAN, 1912.
Quelle: Bauakte
Das Sanct Florian kurz vor der Eröffnung im Sommer 1913. Die Mitarbeiter scheinen schon eingestellt, im Vorgarten wir noch gearbeitet. Hinter der Mauer links vom Eingang weist ein großes Schild auf die bevorstehende Eröffnung hin.
Die soeben fertiggestellten, sauber weiß gestrichenen Neubauten an der Schillerstraße sind schon bewohnt.
Foto von 1913, Album Benninghoven
Die Eröffnung
Nach einer sechsmonatigen Bauzeit wurde das Restaurant Sanct Florian unter der Leitung von Georg Albrecht am Samstag, den 6. September 1913 eröffnet.
Haupt-Eingang zum Café=Restaurant Sanct Florian, WEIDEN
In der Postkartenreihe zum Sanct Florian, die der Geschäftsführer Georg Albrecht herstellen ließ, ragen die beiden colorierten Gesamtansichten besonders hervor. Trotz nachträglicher Färbung erscheinen sie realistischer und lebensnäher als die "alten" SW-Aufnahmen. Albrecht sitzt an einem Terrassentisch etwa in der Bildmitte.
Postkarte, 1913 oder 1914, coloriert, als Feldpost gestempelt "Lövenich, 12.1.15". Sammlung Uwe Griep.
Die ausführlichen Berichte der Tagespresse über die Eröffnung des nur wenige Schritte von der Straßenbahnhaltestelle gelegenen Restaurants, das dem reizend gelegenen Wohnort wohl in erster Linie als gesellschaftlicher Mittelpunkt dienen soll, aber auch ganz dazu angetan ist, den Bewohnern von Köln als angenehmer Erholungsort zu dienen, loben sowohl die Gestaltung des Gebäudes wie auch sein ansprechendes Interieur und versprechen ihm eine gedeihliche Entwicklung. Der Pächter Albrecht habe bereits mehrere bessere Kölner Lokale, u.a. die Rheinterrasse mit Geschick und Erfolg geleitet. Seiner ganzen Anlage nach dürfte das Restaurant schnell zu einem Lieblingsaufenthalt des Publikums und zu einem gern besuchten Ausflugspunkt für die Kölner werden. Der Gesamteindruck des Restaurants ist durchaus vornehm, gediegen und einladend; es macht seinen Erbauern, der Architekten Schreiterer & Below alle Ehre. Eine abendliche Feier in einem ausgewählten Kreis unter der Leitung des Architekten Heinrich Siegert wurde mit Ansprachen von Bürgermeister Nolden, dem Beigeordneten Carl Kaulen und dem Architekten Emil Schreiterer, mit Klavier- und Gesangsvorträgen und einem flotten Tänzchen sowie einem vortrefflich mundendem Mahle und einem guten Tropfen zu einem gesellschaftlichen Ereignis in einer fröhlichen Stimmung.
Der darauf folgende erste geöffnete Sonntag erlebte einen Massenbesuch, Weiden wurde das Ziel Hunderter von Ausflüglern.
Und die Kölner Presse schwärmte von den an der Südseite gelegenen Terrassen: man gewinnt von ihnen aus einen schönen weiten Blick über eine fruchtbare Ebene nach Frechen und Junkersdorf. Weiden war aus Kölner Sicht ein aufstrebender und angesehener Vorort geworden.
Unser aufblühender Villen-Vorort wächst sich immer mehr zu einer Gartenstadt aus. Wer lange nicht mehr seine Schritte hier her gelenkt hat, der muß staunen über die schnelle bauliche Entwicklung. Prächtige schmucke Landhäuser mit schönen Gärten sind in Weiden entstanden…Man kann es begreifen, wenn sich hier immer mehr Stadtbewohner ansiedeln, und geht erst die Straßenbahnverwaltung dazu über, einen viertelstündlichen Betrieb auf der Strecke Köln-Weiden-Lövenich einzuführen, dann wird die Villenkolonie Weiden sicher noch mehr von zahlreichen Bürgern als Wohnort gewählt werden.
Es hatte seit dem ersten Erscheinen der fremdartigen Stuckfassaden zwischen den Feldern entlang der Bahnstraße also nur gut ein Jahrzehnt gedauert, bis im Bewusstsein der Kölner ein beachtenswerter Villenvorort in ländlicher Umgebung in ihrer Nähe im Entstehen war.
Und Sanct Florian sollte der repräsentative Mittelpunkt für den reizend gelegenen Wohnort sein.
Das Restaurantgebäude und seine Ausstattung
Das lang gestreckte Gebäude wurde in seiner Funktion von dem heute als Kircheneingang genutzten Haupteingang und der dahinter liegenden stattlichen Diele mit der Treppe zum Obergeschoss zweigeteilt.
Der Ostflügel (der spätere Kirchenraum) war der ausgesprochen geschmackvoll ausgestattete Saal mit Galerie, der für geschlossene Gesellschaften abzutrennen war. Die Decke (eine tonnengewölbte Holzdecke) ist ganz in Weiß gehalten, die Wände sind mit rotem Leinen bespannt und mit dunkelbrauner Verkleidung aus Ahornholz abgesetzt.
Die zuerst an die Nordwand des Saales projektierte Kegelbahn wurde unter den Saal in den Keller gelegt, die Nordseite blieb fensterlos.
Die Südseite erhielt, wie alle anderen Fensteröffnungen auch, die heute noch erhaltenen kleingeteilten Sprossenfenster.
Die kleine Bühne im jetzigen Altarbereich war vom königlichen Hochbauamt in Köln nur für Gesangs- oder Deklamatorische Vorträge oder für Schaustellungen unter Mitwirkung von höchstens 4 Personen zugelassen worden. Die hübsche Bühnendekoration lieferte das Atelier für Theaterdekorationen von Herrn Pützhoven.
Der Saal des St. Florian, der heutige Kirchenraum, rechts der Inhaber Georg Albrecht.
Postkarte von 1914.
Album Benninghoven
Nach links führte die Diele in einen in Blau gehaltenen Raum für Café und Restauration mit ebenfalls recht freundlicher Ausstattung, der bis heute „Blauer Saal“ genannt wird. Dahinter lagen die wohleingerichtete Küche mit Spülküche, ein großer Servierraum und eine Biertheke. Alle Räume waren unterkellert, unter den Wirtschaftsräumen lagen Bier- und Weinkeller und Lagerräume. Von der Diele aus gelangte man auch auf eine kleine Terrasse an der Rückseite des Hauses.
Teilansicht des Café-Restaurant Sanct Florian, Weiden.
Der Raum unterhalb des mächtigen Giebelvorbaus - hier mit Kuchentheke - wird bis heute "Blauer Saal" genannt.
Postkarte 1913 oder 1914, nicht gelaufen. Sammlung Uwe Griep.
Im Obergeschoss befand sich neben der Wohnung des Wirts zur Straßenseite hin ein weiterer Gesellschaftsraum für 190 Personen, in dem Tanzveranstaltungen allerdings wegen der nicht ausreichenden Deckenträgerstärke untersagt waren.
Schöne Terrassen legen sich nach der Südseite (zur Aachener Straße hin) dem Hause vor, im Bereich des Säulenportikus überdacht. Ein kleiner Zierbrunnen schmückte dort den östlichen Hausabschluss.
Den breiten Giebel zierte zwischen den Obergeschossfenstern eine Figur des hl. Florian, die als gutes Kunstwerk angesprochen werden muß, ausgeführt von dem Kölner Bildhauer Ernst Altmann.
Terrasse des Café-Restaurant Sanct Florian, Weiden
Die große Außenterrasse war auf dem Platz vor dem heutigen Kirchenraum. Im Hintergrund erkennt man die Neubauten an der Schillerstraße, das weiße Gebäude links hinter den Bäumen war das alte Weidener Restaurant "Alte Post" an der anderen Straßenseite der Aachener Straße.
Postkarte 1913 oder 1914, nicht gelaufen. Sammlung Uwe Griep.
Zur Aachener Straße und Schillerstraße hin wurde eine kleine Parkanlage mit reichlich Bäumen und Kinderspielplatz angelegt, die hübschen gärtnerischen Anlagen unterstützten den Eindruck des Gebäudes. Als Einfriedung plante Schreiterer einen Holzzaun auf einem Mauersockel, baute dann aber aus ästhetischen Gründen eine massive Mauer in unterschiedlichen Höhen.
Eine sehr schöne Serie von Postkarten, die der Geschäftsführer Georg Albrecht zur Eröffnung seines Lokals herausgab, zeigt in verschiedenen Ansichten die anspruchsvolle und hochkarätige Einrichtung des neuen Ausflugszieles.
Café - Restaurant Sanct Florian, Weiden b. Cöln.
Der vollendete Restaurantbau von der Aachener Straße aus gesehen, die Figur des St. Florian hatte eine Blechüberdachung erhalten. Am rechten Bildrand das Eingangstor an der Backsteinmauer, im Vordergrund die Oberleitung der neuen Straßenbahn. Die SW-Karte wurde handcoloriert und als Werbepostkarte genutzt.
Postkarte, 1913 oder 1914, nicht gelaufen. Verlag Gustav Vater Weiden Bahnstraße. Sammlung Henry Faust, Weiden
Biedermeier-Zimmer des Café-Restaurant Sanct Florian, Weiden
Postkarte 1914, Privatbesitz
Mit der Eröffnung von Sanct Florian waren die Weichen gestellt für eine glänzende Zukunft, sowohl für das Restaurant St. Florian als auch für den aufblühenden künftigen Kölner Vorort Weiden:
Mit der modernen und großzügigen Architektur des Hauses war von Emil Schreiterer (und seinem Büro Schreiterer & Below) der Höhepunkt des Neubaugebiets verwirklicht worden.
Im Innern hatte der Pächter Albrecht für eine geschmackvolle und hochwertige Einrichtung gesorgt.
Die Lage an der Aachener Straße war hervorragend.
Die Straßenbahn von Köln war 1912 auf Drängen des Lövenicher Gemeinderats in Person von Emil Schreiterer bis nach Weiden verlängert worden und erhielt eine Haltestelle gleich vor dem Restaurant.
Die öffentliche Resonanz war überwältigend und wohlwollend. Die Kölner Zeitungen überschlugen sich in ihren Kritiken mit höchstem Lob und ausführlichen Beschreibungen der Anlage.
Die wohlhabenderen Kölner Bürger folgten dem auch gerne und kamen in Scharen nach Weiden.
Aber leider waren dem Restaurant nach der Eröffnung nur wenige erfolgreiche Monate seiner Bestimmung im Herbst und im kommenden Frühling vergönnt.
Der Erste Weltkrieg - Soldaten im Sanct Florian
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im folgenden Sommer erfolgte jener Einschnitt, an dem nicht nur die Verwirklichung der Landhauskolonie scheitern sollte sondern auch das ehrgeizige Projekt eines gehobenen bürgerlichen Ausflugslokals.
Das neue Restaurant wurde geschlossen und und vom deutschen Militär besetzt. Es diente nun als Unterkunft für Soldaten, die auf dem Weg zur Westfront hier in Weiden einquartiert waren.
Deutsche Soldaten warten auf ihren Marschbefehl an die Front.
Das Gruppenfoto wurde im Frühjahr 1915 vor der Terrasse vor dem großen Saal aufgenommen.
Mehrere erhaltene Fotokarten tragen Stempel von Mai 1915, sie wurden als Feldpostkarten an die Familien geschickt.
Postkarte, orig. Foto, Poststempel "Lövenich 19.5.15"
Sammlung Uwe Griep
Eine Reihe von erhaltenen Feldpostkarten zeigen Soldaten vor dem Gebäude, alle bekannten Karten wurden im Frühjahr 1915 abgestempelt. Die zumeist kurzen Grußtexte erinnern an Urlaubskarten und zeugen von der Ahnungslosigkeit der Männer und ihrer mangelnden Vorstellungskraft, die Bedeutung ihres Eintritts in den Krieg einzuschätzen.
Deutsche Soldaten an der Treppe von der Terrasse zur Wiese an der Hans-Willy-Mertens-Straße.
Postkarte, orig. Foto
geschrieben "Weiden, 19.5.15." Poststempel "Lövenich 19.5.15"
Sammlung Uwe Griep
"Ihr Lieben. Wie Ihr seht, bin ich immer noch in Weiden, wie geht es Euch denn, noch alles beim Alten? Laßt mal von Euch hören. Aloys wird auch wohl bald für die Front fertig sein, hat mir noch nicht geschrieben. Auch von den anderen habe kürzlich nichts gehört, hoffentlich geht´s allen noch gut. Besten Gruß Heinrich"
Offensichtlich war Heinrich einer der fotografierten Soldaten.
Während des Krieges wurde das Gebäude als Lazarett genutzt.
Teil II - Moral contra Lebenslust - das Sanct Florian in den 1920er Jahren
St. Florian wird ein Tanzlokal
Nach Kriegsende übernahm die britische Besatzungsmacht das Gebäude, das Restaurant blieb während der Besatzungszeit geschlossen.
Der Ruf Weidens als Villenvorort von Köln blieb während der 1920er Jahre anscheinend erhalten. Für Schlagzeilen sorgte in den nächsten Jahren aber nicht mehr der Weiterbau der Colonie Kleiner Landhäuser selbst, sondern der Betrieb des luxuriösen Café Florian. An dem Betrieb des späteren Tanzlokals schieden sich die Geister einer von der Kriegsniederlage gedemütigten Moral der Obrigkeit und der neu gewonnenen Lebenslust jüngerer Kreise der Kölner Bevölkerung.
1920 schließlich, sechs Jahre nach der feierlichen Eröffnung, entschied sich Emil Schreiterer, der immer noch Eigentümer war, das Restaurant zu verkaufen.
In diesen Jahren hatten die großen politischen Umwälzungen natürlich auch in der Gemeinde Einzug erhalten.
Das Kaiserreich, in dessen gesellschaftliche Verhältnisse das St. Florian ja hineingebaut worden war, war nun für immer Geschichte.
Erstmals wurde am 16. November 1919 ein Gemeinderat in der Gemeinde Lövenich demokratisch gewählt. Der seit 1900 amtierende Bürgermeister Franz Nolden aus Weiden blieb zwar formal weiter im Amt, ließ sich jedoch gleich nach der Wahl beurlauben. Seit dem 9. Februar 1920 war der Liberale Otto Klein als stellvertretender Bürgermeister tätig, am 2. April 1920 wurde er einstimmig vom Gemeinderat als neuer Bürgermeister vorgeschlagen und am 2. März 1921 endgültig gewählt.
Am 10. März 1920 endlich räumte die britische Besatzung das Gebäude des St. Florian.
Weil der Bau für die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse sich als viel zu groß für den Standort Weiden erwies, hatte Emil Schreiterer bald nach Kriegsende nach einem Käufer gesucht und ihn bereits ein Jahr zuvor gefunden. Es war der bisherige Droschkenunternehmer Fritz Püllen, der dieses Geschäft auch weiterhin betreiben wollte. Püllen hatte bereits am 12. Februar 1920, also noch während der Besetzung, die Konzession zum Betrieb einer Schankwirtschaft erhalten und seit dem 22. September 1920 durfte er eine Gastwirtschaft führen.
Püllen wurde in der Gemeinde wohlwollend aufgenommen und erhielt vom jetzt bürgerlich besetzten Gemeinderat Pauschalen auf die Lustbarkeitssteuer zugestanden. In seinem ersten Ersuch zu einer Tanzgenehmigung beim Landrat am 5. Juni 1920 stellte er sein neues Lokal vor:
Das Unternehmen, gelegen am Eingang der Villenkolonie Weiden, ist im vornehmsten Stil als großstädtisches Restaurant erster Klasse erbaut … Ich beabsichtige in gleicher Weise das Unternehmen fortzuführen und habe mit gewaltigen Kosten das ganze Unternehmen, nachdem es von Kriegsbeginn an für die deutschen und bis vor kurzem für die Besatzungstruppen beschlagnahmt war, instand gesetzt…
Um auch der Jugend zu ihrem Recht zu verhelfen, beabsichtige ich in meinem Restaurant unter der Leitung eines Tanzmeisters vornehm gehaltene Tanzvergnügen abzuhalten. Auf dieses Vergnügen … hat die Jugend … lange Jahre verzichten müssen und es verstößt auch nicht gegen den ernst der heutigen Zeit … Durch die Versagung der Genehmigung würde auch ich persönlich in meiner wirtschaftlichen Existenz vernichtet, da das ganze Unternehmen auf Veranstaltungen solcher Feste aufgebaut ist … Ganz abgesehen von den pekuniären Vorteilen, die die Gemeinde unmittelbar aus meinem Unternehmen zieht, besteht der Gewinn darin, daß das Großstadtpublikum Gelegenheit findet, die Schönheit der Weidener Kolonie kennen zu lernen und veranlaßt wird, ihren Wohnsitz in die unmittelbar vor den Toren der Stadt gelegenen Villenkolonie zu nehmen.
Meine Persönlichkeit bietet die Gewähr, daß ich die Tanzvergnügungen nur in dem vornehmsten Stil stattfinden lassen werde und alles Anstößige und Ausschweifende vermieden wird.
(Zitiert nach Peuster 1999)
Sein Antrag fand Zustimmung bei Bürgermeister Klein, aber Ablehnung beim neuen Landrat Heimann, weil der Kölner Polizeipräsident ein Bedürfnis für Lustbarkeiten für das Kölner Publikum verneine. Da Püllen trotzdem Tanzveranstaltungen ankündigte, war ein mehrere Jahre anhaltender Konflikt bereits eingeleitet. Der Landrat wollte Tanz nur in dem vor dem Krieg üblichen Umfang genehmigen, im früheren St. Florian wurde aber nicht getanzt. Bürgermeister Klein und die örtliche Polizei deckten Püllen vorerst in seinem Ritual, öffentlichen Tanz als geschlossene Veranstaltungen anzukündigen.
Über Veränderungen der ursprünglichen Einrichtung durch Püllen ist zwar nichts überliefert, allerdings machte die jahrelange Nutzung durch deutsche und britische Soldaten erhebliche Renovierungen in größerem Ausmaß notwendig. Im Obergeschoß, an den straßenseitigen Fenstern des breiten Giebels, richtete er zusätzlich ein mit großem Aufwand gestaltetes Wein – Restaurant ein.9
Püllen beschäftigte zu Beginn 45 Angestellte und war auf die Tanzveranstaltungen, die vorwiegend von Kölner Gästen besucht wurden, angewiesen. Auch für Vereinsveranstaltungen war St. Florian sehr beliebt. Für die Autos der Gäste und für seine Autodroschkenvermietung gab es eine 30m lange Garage mit Toiletten im heutigen Parkplatzbereich zur Schillerstraße hin.
1921 erteilte ihm die Gemeinde auch die Bauerlaubnis für ein 3 x 2m großes und 4m hohes Geflügelhaus mit Walmdach. Im Erdgeschoss waren die Enten untergebracht, die Hühner gelangten über eine Leiter in das Obergeschoss, im Dachgeschoss waren vier Öffnungen und eine Landeplattform für Tauben vorgesehen.
Im Frühling 1921 erhielt Püllen endlich die für sein Geschäft so notwendige Konzession vom Landrat.
Er hielt allerdings noch zusätzliche Veranstaltungen zu den genehmigten ab und überschritt außerdem mehrfach die auf 23 Uhr festgesetzte Sperrstunde.
Wein-Restaurant St. Florian, Weiden b. Köln
Vermutlich schon 1920 richtete Püllen ein feines Weinlokal im Obergeschoß ein.
Im Hintergrund die großen Giebelfenster zur Aachener Straße.
Postkarte um 1920, Privatbesitz
Restauration Fritz Püllen
Einladungskarte, undatiert
Reproduktion des Originals, Privatbesitz
Restauration Fritz Püllen
Werbeanzeige, undatiert, 1920er Jahre. Album Benninghoven
Zudem pflegte er einen wenig respektvollen Ton in seinen häufigen Schreiben an den Landrat, gegen den er später noch mehrfach geklagt hat. Allerdings wurde er auch von seinem wichtigstem Konkurrenten im Landkreis, dem Besitzer des Rheincafés in Rodenkirchen, mehrfach denunziert, beklagte seinerseits eine Bevorteilung seines Konkurrenten. Schikaniert fühlte er sich schließlich von einem Bericht des Kölner Polizeipräsidenten an den Landrat, in dem dieser schreibt, dass das Tanzen gerade in Brühl und in Weiden seinen Anfang genommen hat, und erst dann von Köln nachgeahmt worden ist. Als das Tanzen hier in den großen Lokalen anfing, wurde von den Lokalinhabern sowie auch von den Gästen gesagt, daß in Weiden bei „Florian“ ständig getanzt werde. Bürgermeister Klein kommentierte noch wohlwollend: Oho! Das Gegenteil ist der Fall.
Püllen baute das große Gebäude mehrfach um. 1922 ließ er das Dachgeschoss für 16 Fremdenzimmer und zwei Badezimmer ausbauen, das Dach erhielt über seine ganze Länge eine Gaube. Dieser Umbau kostete 25000 Mark.
Von beiden Seiten einladend am Eingang: St. Florian Restaurant, am Giebel jedoch prangte in dicken Buchstaben: RESTAURATION FRITZ PÜLLEN.
Foto 1921, Album Benninghoven.
Ein Jahr später wurde dem Gastwirt wegen anhaltender Überschreitungen die Konzessionen für öffentlichen Tanz und für die Gastwirtschaft entzogen. Später begründete der Landrat seine Entscheidung mit der Nutzung der Fremdenzimmer. Aus dem Fremdenbuch gehe hervor, dass unter den eingetragenen Logiergästen sich kaum Ehepaare eingetragen haben. Die Logiergäste stammten überwiegend aus Köln oder Rodenkirchen. In der Regel haben sie … im Anschluß an die Tanzlustbarkeiten nur eine Nacht dort gewohnt. Sie seien mit Absicht nicht mit der letzten Bahn (12 Uhr, häufig auch um 2 Uhr nachts von Weiden nach Köln) nach Hause gefahren, weil sie entweder noch lange in den Gasträumen zum Zechen oder Tanzen verweilen wollten oder aber dass sie auf anderweite Verbindungen anlässlich der Uebernachtung oder mit beiden Gesichtspunkten rechneten. Bei Kontrollen durch die Ortspolizei wurden zwar niemals Pärchen in den Zimmern angetroffen, doch nach der baulichen Anlage des Püllen´schen Betriebes war es an sich möglich, beim Annähern der Polizei … die Gäste in den Hotelzimmern noch zeitig zu warnen. Püllen, der durch sein eigenwilliges Verhalten auch den Bürgermeister gegen sich aufgebracht hatte, sah sich schikaniert, nach Polizeikontrollen seien seine Gäste nach Rodenkirchen zur Rheinterrasse und zum Rheincafé gefahren und huldigten in diesen Lokalen dem Tanzvergnügen. Trotz des Verbots von öffentlichem Tanz im ganzen Landkreis werde dort getanzt. Im Dezember 1923 verfasste Püllen ein Plakat:
Zur Aufklärung.
Wegen der fortgesetzten ungesetzlichen und jedem Gesetz hohnsprechenden Maßnahmen, welche auf mich im Sinn des Ernstes der Zeit allein ausgeübt werden und zwar von Seiten der hiesigen Polizeibehörde, welche ein Standpunkt für sich allein vertritt, welcher der durch gerichtliche Entscheidung festgestellt wurde, sowie des Herrn Landrats, welcher für die Landgemeinde Weiden, dieselben Gesetze veranlaßt, sehe ich mich gezwungen sonntags mein Lokal zu schließen.
Wie notwendig die Gemeinde die Gelder benötigt zur Unterstützung der Erwerbslosen, ergibt sich aus vorstehendem wie systematisch von Seiten der Behörde ein Gewerbe erdrosselt wird, welches bisher die größte Steuerquelle der Gemeinde war.
Meinen werten Gästen und den hiesigen Einwohnern zur gefl. Kenntnis
Gez. Fritz Püllen
Der Wirt des Rheincafés dagegen klagte beim Bürgermeister von Rondorf: … alles wegen eines früheren Droschkenkutschers, welcher in Weiden seine Konzession mißbraucht, indem er aus einem sogenannten Hotel, wie man in Cöln offen erzählt, ein Bordell gemacht hat, und auch sonst andere unerlaubte Verstöße gegen Gesetz und Sitte sich zu Schulden kommen läßt.
Mit Anzeigen gegen die Rodenkirchener Lokale, erneuten Konzessionsgesuchen, Klagen gegen den Landrat und Bürgermeister Klein wegen Ungleichbehandlung sowie einer Anzeige gegen Klein beschäftigte Püllen die Behörden noch mehrfach. Erst im Sommer 1925 hatte sich das Verhältnis zwischen Püllen und den Behörden entspannt, er erhielt seine Tanzerlaubnis zurück. Er ließ eine zweite Kegelbahn im Keller einrichten und nutzte die Zimmer zeitweise als Pension. Von seinem Gemüsegarten hatte er ein Grundstück ausparzelliert, um sich dort sein Wohnhaus (Schillerstr. 2) bauen zu lassen.
Sein Geschäft sah endlich der erwünschten Zukunft entgegen. Nur knappe drei Jahre lang betrieb Püllen danach sein Restaurant so, wie er sich vorgestellt hatte, sogar eine elektrische Musikmaschine hatte er sich angeschafft. Während dieser Zeit wurde er mit hohen Steuerforderungen der vergangenen Jahre und mit hohen Konzessionsgebühren konfrontiert. Zudem wurde ihm die Verlängerung der Sperrstunde als Anreiz für die Kölner Besucher nicht genehmigt. Als dann auch noch das Interesse am Tanz stark nachließ, konnte er seinen Betrieb nicht länger aufrechterhalten. Bis Februar 1928 sind Tanzveranstaltungen in St. Florian nachweisbar. Im Laufe des Frühjahrs hatte Püllen seine Pläne offenbar aufgegeben und suchte einen Nachfolger für sein Restaurant.
Am 26. Mai 1928 verpachtete Püllen das Haus an Josef Lamersdorf, der offenbar ähnliche Ambitionen mit dem Restaurant hatte. Er brachte seinen Namen in großen Buchstaben an der Giebelwand an und benannte das St. Florian in Restaurant Römerhof um.
Postkarte 1928, Sammlung Uwe Griep
Lamersdorf war allerdings nicht mehr Glück als seinem Vorgänger beschieden, bereits am 26. November des Jahres stellte er den Betrieb wieder ein.
Später teilte Bürgermeister Klein dem Landrat mit, dass das Restaurant (Schankwirtschaft) St. Florian 1929 eingegangen war.
Der in Weiden lebende Bergwerksdirektor Victor Rolff, der Vorsitzender der Baukommission für den Neubau einer evangelischen Kirche war, erkannte schnell die Vorzüge dieses Gebäudes. Ein Jahr später wurde es unter großzügiger Beteiligung von Rolff vom Kirchenbauverein käuflich erworben und zur ersten evangelischen Kirche in der Gemeinde Lövenich umgestaltet.
Der Tanzsaal wurde zum Kirchenraum, die übrigen Räume zu einem Gemeindehaus umgebaut und umgestaltet. Es wurde 1978 nach dem Theologen Jochen Klepper benannt.
Bildunterschrift Titelbild:
Café-Restaurant Sanct Florian, Weiden.
Die Colorierung von Dach und Himmel lässt die Karte als eine blasse neuzeitliche Farbaufnahme erscheinen. In der Gesamtaufnahme zeigt sich der Bau in einer vollendeten, gelungenen Architektur, die vielfältigen Details ergänzen sich zu einem harmonischen Gesamtbild.
Postkarte 1913 oder 1914, erschien coloriert und SW, beide Motive gestempelt in Lövenich als Feldpost 19.11.14 und 18.6.15, Sammlung Uwe Griep.
kursiv : Schreibweisen im Original bzw. in zeitgenössischen Schriften.
Die längeren Zitate aus der Presse aus: Kölner Tageblatt und Kölner Stadt-Anzeiger vom 8. September 1913. Zum Anlass der Eröffnung von St. Florian erschienen die beiden zum Teil identischen und daher vermutlich von demselben Autor verfassten Artikel.
Der Text basiert weitgehend auf den Kapiteln zu St. Florian in:
Griep, Uwe (2003): Lövenich, Weiden und Junkersdorf – Siedlungsgeschichte bis 1950. Stadtspuren Bd 27. Köln, 2003, S. 250ff und S. 291ff.
sowie
Griep, Uwe (2003): Die "Colonie Kleiner Landhäuser" (1905) - Eine Gartenstadt in Weiden bei Köln. Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. Band 27, S. 161-199. Pulheim 2003.
Peuster, Axel (1999): Fritz Püllen - der Gastwirt vom St. Florian in Weiden. In: Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. Bd 23, S. 214 - 235. Pulheim 1999.
Dieser Aufsatz darf auszugsweise zitiert werden, zwingend unter Angabe und Einhaltung folgender Zitierweise:
Griep, Uwe: Das “Café-Restaurant Sanct Florian” in
Weiden. In: Webseite Uwe Griep, veröffentlicht im Mai 2019, ergänzt im Januar
2020.
Abbildungen fortlaufend ergänzt seit Juli 2022
URL: https://www.uwegriep.de/aufsätze/das-café-restaurant-sanct-florian-in-weiden-2019/2020 (Abrufdatum: )