Die Uesdorfer Waldorfschule
Gertrudisstraße 7
vormals Herr Hecker in Uesdorf
1927: Rudolf-Steiner-Heim
Gertrudisstraße 7, Aufnahme 1955. Foto: Privatbesitz Familie Kleefisch in Weiden
Historische Bauwerke aus dem 19. Jahrhundert oder gar älter sind im einstigen wohlhabenden Uesdorf, das nur die bebaute Gertrudisstraße war, kaum erhalten. Die schön restaurierte Stephanuskapelle des nicht mehr vorhandenen Engelshofs ist da die sehr schöne Ausnahme. Auch durch seinen Fachwerkzier fällt daher ein Wohnhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert beim Vorbeigehen besonders ins Auge, das im dörflichen Maßstab durchaus eine villenartige Erscheinung ist.
Der erste Neubau in Uesdorf seit Jahrzehnten erhielt im Jahr 1902 noch keine eigene Hausnummer, die Angabe Herr Hecker in Uesdorf reichte in dem kleinen Dorf vollkommen aus. Das freistehende, ursprünglich erhöht gelegene Haus wurde auf dem Grundstück eines um 1850 niedergelegten Gutshofs errichtet, dessen Ursprung in der mittelalterlichen Zeit anzunehmen ist. Es war in seiner Erbauungszeit durch die weithin unbebauten Nachbarparzellen ein herausragender Blickfang gewesen.
Seine aufwändige Fassadengestaltung mit ungerader Achsenzahl, Mitteleingang im Risalit und Freitreppe, verknüpft mit einheimischer Fachwerkzier und eingefriedetem Vorgarten verlieh der augenfällig freistehenden Villa einen für das Dorf Uesdorf ungewöhnlich repräsentativen Charakter. Die einfache, auf das fünfachsige dörfliche Wohnhaus zurückgehende Innenaufteilung greift zwar eine ländliche Tradition auf. Die Ausstattung jedoch mit Faltläden, reichlichem Deckenstuck und Kachelofen sowie den sehr hohen Räumen (3,50 m) bezeugt noch heute die gehobenen Wohnansprüche des Bauherrn. Das Gebäude ist in seiner äußeren und inneren Gestaltung wie in seinem individuellen, straßenbildprägenden Landhauscharakter sowohl zur Zeit seiner Erbauung als auch heute eine aus seiner Umgebung architektonisch und sozialgeschichtlich herausragende Einzelerscheinung.
Bauherr war der Ingenieur August Hecker, Bauunternehmer der Maurermeister Peter Dreschmann.
Als späteren Eigentümer kennen wir 1921 den Architekten Wilhelm Kuhlmann, der erstmals den Vorgarten mit einem Eisengitter einfrieden ließ und einen rückwärtigen Anbau errichtete.
Planzeichnung aus dem Bauantrag vom April 1902 durch den Maurermeister Peter Dreschmann. Quelle: Bauakte.
Rudolf-Steiner-Heim
Eine für die damalige Zeit sehr außergewöhnliche Nutzung erfuhr das Anwesen einige Jahre später.
Im Jahr 1927 gründete der Naturwissenschaftler und anthroposophisch orientierte Lehrer, Studienassessor Helmut Hessenbruch in der Villa ein Internat für
unangepasste und milieugeschädigte Kinder (maladjusted children and milieu-damaged), das auch Rudolf-Steiner-Erziehungsheim genannt wurde. Dafür hatte er nicht nur die Villa sondern auch
das benachbarte Gebäude Nr. 9-11 erworben, das 1901 vom Müller Mathias Schumacher gebaut worden war. Somit verfügte das Heim über zwei Häuser, die außer Küche und Wirtschafträumen etc. 20
Haupträume haben. 1931 wurde die gemeinsame Einfriedung erneuert, 1937 der ehemalige Kuhstall des Nachbaranwesens ausgebaut, die heutige Gaststätte. Auf dem ausgedehnten Land hinter beiden
Gebäuden wurde ein 5000 m² großer Garten angelegt, der frei nach Süden angelegt ist und mit Turn- und Sportplatz etc. Gelegenheit zum Spielen und Tummeln bietet.
Das Erziehungsheim stellte sich in einem vierseitigen Prospekt vor, dem die Zitate entnommen sind. Ein weiterer vierseitiger Prospekt stellt die exakten und aus heutiger Sicht durchaus strengen Aufnahmebedingungen und Besuchsregelungen dar. Das Feld für das monatliche Honorar ist nicht ausgefüllt.
Hessenbruch leitete das Internat bis 1941.
Was bleibt
Die bewegte und sehr einzigartige Geschichte dieses markanten Gebäudes wurde nie aufgeschrieben und blieb deshalb fast ein Jahrhundert lang im Dunkeln. Zufällige Funde erlauben jetzt immerhin einen kurzen erhellenden Blick in die sehr lebendige Vergangenheit und auf manche undeutlichen Bilder, die gerne noch klarer und heller aufgeklärt werden möchten.
Das Haus ist in seiner Erscheinung aber besonders auch in seiner hochwertigen Ausstattung weitgehend original erhalten und wurde daher 1996 vom Stadtkonservator der Stadt Köln unter Denkmalschutz gestellt. Hervorzuheben weil gut erkennbar sind die originale Haustür im Stil der Neurenaissance mit Oberlicht und Kölner Stadtwappen im Türbogen sowie die originalen Kreuzstockfenster. Das originale Zierfachwerk musste in den 1990er Jahren wegen Fäulnis entfernt werden, es wurde nach originalem Vorbild aufgemalt.
Gertrudisstraße 7
Baujahr: 1902
Bauherr: August Hecker, Ingenieur
Unternehmer: Peter Dreschmann, Maurermeister
Der Bauantrag wurde am 26. April 1902 geprüft vom Bausachverständigen Tilmann Vogt, Architekt aus Frechen, der anders als die späteren Gemeindebaumeister nicht beamtet war. Am 28. April wurde der Antrag von Bürgermeister Nolden genehmigt.
Quellen:
Bauakte
Die beiden Prospekte befinden sich im Album Benninghoven.
Helmut Hessenbruch (1901-1974) studierte nach seinem Abitur Naturwissenschaften an der Universität Bonn und arbeitete zunächst als Lehrer in Köln.
Bereits mit 20 Jahren wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.
1923 war er Mitbegünder der von Rudolf Steiner neugegründeten Anthroposophischen Gesellschaft ("Weihnachtstagungsgesellschaft") und vertrat dort das Rheinland. Während seiner Weidener Zeit arbeitete er auch als Lehrer in Köln und studierte dort Medizin. Das Thema seiner Dissertation, "Die Bedeutung des Sieben-Jahre-Zyklus beim heranwachsenden Menschen" (The importance of the seven-year cycle in adolescent humans) zeigt seine Nähe zur Anthroposophie. Er arbeitete als Arzt und Klinikdirektor, Dozent und Autor zahlreicher Bücher über Medizin und Anthroposophie. 1967 war er an der Herausgabe der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe beteiligt.
Im Internet findet sich so gut wie keine Information über das Leben des durchaus vielseitig engagierten Helmut Hessenbruch. Alle Informationen sowie das Zitat im Text und der Titel seiner Dissertation stammen von der Website "Find a Grave", auf der ein deutscher Text ins Englische übersetzt worden ist. Leider findet sich dort keine Angabe über die Herkunft dieser Angaben und den Verfasser des Textes.
https://de.findagrave.com/memorial/75136004/helmut-hessenbruch