Karl Hugo Schmölz in Junkersdorf?
Kärntner Weg 2
Eine ganz besonders wertvolle und mir die allerliebste Quelle sind historische Fotos, am liebsten mit Datumsangabe der Aufnahme. Sie zeigen ein offensichtlich wahrhaftiges Bild des Motivs im Moment der Aufnahme, realistischer als Worte und Zeichnungen es vermögen. Selbst wenn manch ein Motiv gestellt wirkt, ist dies wiederum für den Moment authentisch. Im Idealfall zeigen mir Bilder sogar Motive, die ich bislang noch gar nicht kannte.
Seit dem frühen 20. Jahrhundert kennen wir Fotos von unseren Dörfern, oft steht die Familie des Eigentümers vor dem neuen Haus, Aufnahmen von Festen im Garten und auf den Straßen. Zumeist waren die Menschen der Anlass, wobei Haus- und Straßenansichten oft der wertvolle Hintergrund sind. Oder es sind frühe stolze Postkarten, bei uns zumeist Ansichten von Neubauten an der Bahnstraße oder von Gaststätten an der Aachener Straße und in Lövenich.
Manche Sammlung, manches Fotoalbum brachten Motive zu Tage, die nicht nur mir so nicht bekannt waren, sondern von denen es bislang keine bekannten Bilder gab. Von Häusern, die nicht mehr vorhanden sind oder komplett umgebaut wurden, oft Ansichten nach der Fertigstellung.
Viele (ganz im Sinne des Wortes) einzigartige Bilder schenkt uns das Album Benninghoven, ohne das das Wissen um das einstige Weidener Wasserwerk zum Beispiel höchstwahrscheinlich nicht mehr da wäre.
Und dann taucht aus privater Hand eine Reihe Fotos auf, mehrere auf den ersten Blick professionell aufgenommene Bilder eines Wohnhauses von außen und innen, zwei von ihnen hatte ich früher schon einmal gesehen.
Schön, auf den ersten Blick.
Und spannend. Sie laden zum hinschauen ein, zum entdecken.
Am Ende werden sie eine Geschichte erzählen. Es sind die vielen Details. Und das Glück, das sie überhaupt da sind.
Zuerst einmal all die spontanen Fragen, die sofort kommen:
Wo steht dieses Haus? Die Fotos sind nicht beschriftet, eine Adresse ist nicht bekannt.
Wieso wurde es fotografiert, und wieso so ausführlich? War es die Idee des Bauherren oder des Architekten? Und ein Fotograf, der ganz offensichtlich sein Handwerk bestens beherrschte, für ein einfaches Wohnhaus? Kennen wir ihn? Für die damalige Zeit, offensichtlich frühe 1950er Jahre, war das ein professionelles Niveau, gestalterisch und technisch.
Alles in allem: eine für unsere Gegend bislang einzigartige Sammlung von Fotos, die vielfältige authentische Einblicke in die Lebenswelt ihrer Entstehungszeit erlauben.
Ich will alles wissen. Gehen wir es an. Schritt für Schritt.
Ein auf den ersten Blick höherwertiges Wohnhaus, 1950er Jahre, das gab es so nur in Junkersdorf.
Offensichtlich ein Neubau oder zumindest noch sehr frisch, worauf die jungen Pflanzen im Vorgarten hinweisen. Nicht übermäßig groß aber mit wertvoller Ausstattung.
Die Umgebung und die Blicke aus den Fenstern lassen den nach dem Krieg erschlossenen Gartenstadtbereich annehmen. Es lässt sich aber recht schnell identifizieren. Rechteckige Grundform, schräger Anbau. Ungewöhnlich, so noch nicht gesehen. Die Hausbauakten sind ja vorhanden. Und sie bieten weitaus mehr Überraschungen, als zu erwarten war.
Hier ist eins der frühen Nachkriegsbauten im Bereich der Junkersdorfer Gartenstadt, das erste Haus am neuen Kärntner Weg, es erhielt die Nummer Kärntner Weg 2.
Die erste große Überraschung ist das Baujahr. Das Haus wurde 1951 errichtet, ganz zu Beginn des deutschen Wirtschaftswunders, aber noch ein Jahr vor dem großen wirtschaftlichen Aufschwung. Und deshalb wissen wir vorher schon... hier zeigt sich kein "typisches" Ambiente der 1950er Jahre, sondern ein früher Schritt dorthin.
Insgesamt gibt es acht Bilder, alle ursprünglich ca. 17x23 cm, einige wurden ein wenig beschnitten, um einen gefälligeren Ausschnitt zu haben.
Drei Außenansichten, straßenseitig, Südseite und Gartenseiten. Drei Innenaufnahmen des Wohn- und Essbereichs im Anbau, der Flur und ein kleineres Zimmer.
Eine ganz traditionelle deutsche Straßenansicht, weiß mit steilem Satteldach... aus den Vorkriegsjahren übernommen. Allerdings auch mit den Fensterbändern des Neuen Bauens der 1920er Jahre (zehn-Fenster-Band in der Dachgaube!).
Im gartenseitigen Anbau vermischen sich dann bunt Vorkriegsmoderne und eigene neue Ideen ihrer Zeit. Ein flacher geneigtes Dach, Sonnenterrasse, sehr breites Fenster, das gab es auch schon in den 1920er Jahren.
Aber dann sehen wir mutige Details, in der Bauzeit geboren, experimentelles, einige sollten die Wirtschaftswunderzeit prägen, andere werden sich nicht durchsetzen: der Anbau wurde schräg angesetzt, zwei große versenkbare (!) Fenster erkennen wir, ein wandhohes breites Blumenfenster, die geschwungene Außenwand (!) am Kamin, das offene Blumenbeet mit geschwungenem Fliesensockel im Wohnbereich des ungeteilten Innenraums, das mit Pflanzentöpfen behangene Spalier als Raumteiler, und einer Einrichtung, die den modernsten Zeitgeist widerspiegelt. Selbst die Kaminöffnung hatte eine unregelmäßig geschwungene Form.
Ich schrieb von professionellen Aufnahmen, woran mache ich das fest?
Der allererste Eindruck... scharf, keine stürzenden Linien, kontrastreich.
Eine sehr hohe Detailschärfe, nicht bei allen Fotos gleichmäßig, aber das könnte auch an der Laborarbeit liegen. Diese auffällig hohe Auflösung mit entsprechend feiner Detailwiedergabe sowie die Korrektur der in der Architekturfotografie unumgänglichen stürzenden Linien waren die herausragenden Vorzüge der analogen Großbildkamera, ein damals sehr kostspieliges und kompliziertes Werkzeug gut ausgebildeter Fotografen.
Der Kontrast von Himmelblau zu Wolken und dem leuchtenden Fassadenweiß lässt ein Gelb- oder Orangefilter vermuten.
Es gibt fünf Innenaufnahmen, auf Vieren ist der Wohn- und Essbereich im Anbau zu sehen.
Die Fotos erwecken den Eindruck von ursprünglichen Wohnlandschaften mit zeitgenössischem Mobiliar. Wir sollen sehen, wie der Bauherr tatsächlich mit der zeitgenössischen Wohnungseinrichtung lebte.
Tatsächlich sehen wir aber nicht die gelebte Einrichtung, sondern Kompositionen mit den vorhandenen Möbeln, die atmosphärische Bilder schaffen.
Der große flächige ornamentfreie Teppich bietet zum einen den gemütlichen Raum für die Sitzgruppe mit Sofa und zwei Sesseln. Auf dem Bild oben sehen wir ihn, genauso gemütlich, unter den Essstühlen mit rundem Tisch und Beistelltisch stehen. Die Sitzgruppe, jetzt nur ein Armlehnsessel, steht dagegen auf dem Parkettboden. Diese Aufnahme ist etwas neuer, die Kletterpflanzen an der geschwungenen Außenwand sind gewachsen, eine neue Stehlampe ist hinzugekommen.
Für das Flurbild wurden die Essstühle weggestellt, sie würden den Eindruck stören, an der Stelle liegt jetzt ein Orientteppich.
Vieles an den Aufnahmen wirkt komponiert.
In dem kleinen Zimmer mit ausgekappten Schrankbett ist die Lampe über dem Bett eingeschaltet, der Stuhl entspricht den Essstühlen und der Tisch dem aus dem Wohnzimmer.
Alle Sitzmöbel sind bildgerecht arrangiert. Der Esstisch ist ästhetisch für drei Personen eingedeckt, es gibt fünf Stühle, die gleichmäßig und im Abstand zum Tisch gestellt wurden, eine Teekanne steht auf dem Beistelltisch.
Und wie die versenkbaren Fenster dargestellt sind, deutlich weil geöffnet, aber indirekt. Die neue Technik wird genutzt, um die Fenster zu negieren. Sie wirken wie geöffnete Klappläden, die den Blick nach innen in das kleine Zimmer, oder nach außen zu den Neubauten am Donauweg erlauben, in einer Klarheit, als gäbe es kein Fenster!
Bei der Aufnahme von außen wurden die Sitzmöbel umgestellt.
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Und da kam ich ins grübeln.
Eine perfekt belichtete Aufnahme des beleuchteten Wohnzimmers mit Blumenbeet... von außen im Dunkeln aufgenommen, mit gut erkennbaren Terrassenplatten vor dem Fenster. Diese perfekte Balance des Lichts innen und außen erfordert großes Können, bei der Aufnahme und im Labor. Auf guten Architekturfotos der 1950er Jahre in Köln sieht man diese Technik häufig.
Meisterhaft entwickelt und angewandt wurde sie von Karl Hugo Schmölz, dem bedeutendsten Kölner Architekturfotografen der Nachkriegszeit, dessen Beherrschung der Beleuchtung, der wohnlichen Anordnung der Möbel und der Belichtung einzigartig war und weit über Köln hinaus Berühmtheit erlangt hatte. Zusätzlich zur Architekturfotografie hatte sich Schmölz auf Möbel als Motiv spezialisiert.
Ist es nun vermessen, sich bei diesen Fotos an Karl Hugo Schmölz zu erinnern? Ich denke nicht, denn es ist unbedingt ein großes Lob für jeden Fotografen.
Der perfekte Umgang mit der Großbildkamera, die besonders korrekte Stellung der Möbel, wie auch die exakt scheinenden Abstände der Stühle um den Esstisch, die zweckmäßige und doch zurückhaltende Eindeckung des Tisches, eine Vorliebe für geschwungene Treppen... Gestaltungselemente, die sich bei Schmölz immer wieder finden. Seine Aufnahmen lassen die hundertprozentige Vorbereitung erkennen, die sein Markenzeichen war. Schmölz fotografierte häufig aus der Position der Augenhöhe, so hat der Betrachter das Gefühl, im Moment des Betrachtens selbst vor dem Motiv zu stehen. Und Schmölz war der anerkannte Meister atmosphärischer Lichtkompositionen, er huldigte dem Licht, komponierte mit dem Weiß der Wolken am blauen Himmel.
Der Gedanke an den großen Fotografen fesselte mich.
Genährt wurde meine Neugier durch die Persönlichkeiten von Bauherr, Architekt und Fotograf, die sich mit Sicherheit gut kannten.
Und die Zusammenhänge sind interessant, denn weder Schmölz noch der Architekt P. F. Schneider waren in ihrer Arbeit vorwiegend mit Wohnhäusern beschäftigt, sondern viel mehr Industrie- und Großbauten zugetan.
Karl Hugo Schmölz Messegelände: Pavillon Ford, 1950. c Archiv Wim Cox
Doch beide kannten den Bauherrn. Der dänische Verwaltungsdirektor der Kölner Fordwerke, Kaj A.E.B. Meyer, wählte mit Peter Friedrich (P.F.) Schneider den seinerzeit verantwortlichen Architekten für die Errichtung der Kölner Fordwerke 1930 zum Neubau seines Wohnhauses an der neuen Straße. Schneider, der in Wien als Meisterschüler von Peter Behrens sein Studium abgeschlossen hatte, war 1930 im Essener Büro von Prof. Edmund Körner am Bau des Folkwang Museums beteiligt, bevor er noch im selben Jahr die Leitung dessen Kölner Zweigstelle zum Bau der Fordwerke in Köln-Niehl übernommen hatte. Während der Kriegsjahre und besonders auch in den Nachkriegsjahren vergrößerte er in seinem mittlerweile eigenen Kölner Büro die Fordwerke um ein Vielfaches, er errichtete das Verwaltungsgebäude und auch das berühmt gewordene Kesselhaus.
Und Karl Hugo Schmölz hatte seine Bauten fotografiert. Ein Gelatinesilberabzug der Treppe des Ford-Verwaltungsgebäudes einer Aufnahme von Schmölz aus dem Jahr 1940 wurde 2010 während einer Auktion bei Lempertz für 1440 Euro versteigert, mit Fotografenstempel und dem Stempel des Architekten P.F. Schneider (Auktion 970 am 02.12.2010, Lot 825).
Schneiders berühmtester Bau wurde in den Jahren 1948 bis 1952 das markante NWDR-Funkhaus am Wallrafplatz. Karl Hugo Schmölz begleitete den Neubau fotografisch in allen Bauphasen sowie in einer Sammlung detaillierter Dokumentationen des fertigen Funkhauses.
Eine Zusammenarbeit beim Wohnhaus des damaligen Ford-Direktors wirkt nicht nur naheliegend, sondern erscheint mir, je mehr ich von Schmölz` Arbeiten sehe und lese, eigentlich völlig klar, ich zweifle da gar nicht. Auch wenn ich den Gedanken in einer sachlichen Darstellung so nicht aussprechen würde, weil mir leider jeder Beleg dazu fehlt.
Natürlich gibt es die Möglichkeit der Recherche in den Archiven Cox in der Kölner Südstadt oder beim Rheinischen Bildarchiv, wer die Zeit dazu hat, möge sich das gerne antun.
Wir wurden hier beschenkt mit einer Serie von Fotografien, die weit mehr sind als die Darstellung eines Wohnhauses. Wir erhalten zahllose Details einer Zeit des Aufbruchs, des Neubeginns, Wohnvorstellungen, die vom Geldwert offensichtlich wenig begrenzt waren. Wir sehen, was 1951 möglich war, was an Neuerungen gewagt wurde, die bis dahin undenkbar waren... die versenkbaren Fenster, das Blumenfenster mit -beet, die geschwungene Kaminwand.
Wir sind eingeladen, hinzuschauen. So muss Schmölz die neuen Architekturen seiner Klienten gesehen haben, als Bühnen, das Bühnenbild schon aufgebaut. Jetzt kommt der Lichtmeister... schauen wir und staunen!
zur Beschreibung der Räume siehe: Bilder/Geschichten / Junkersdorf / Käentner Weg 2 (noch in Arbeit)
schöne und wertvolle Texte (daraus die Zitate) zu Karl Hugo Schmölz in dem hervorragenden Bildband:
Karl Hugo Schmölz - Köln. Architekturfotografien der Fünfziger Jahre. München 2012 (Schirmer/Mosel).
Foto oben aus diesem Bildband: Messegelände: Pavillon Ford, 1950. c Archiv Wim Cox
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